Randecker Maar
 

Waldökologie

In Mitteleuropa sind Wälder und Gehölze die Habitate mit den größten Vogeldichten außerhalb der Siedlungen. Durch die hohen Anteile dieser Lebensräume in den meisten Ländern haben Eingriffe bedeutende Veränderungen der Landvogelfauna zur Folge. Die Waldfläche hat in den letzten Jahrzehnten überwiegend stark zugenommen und dies vor allem durch den Anbau von Koniferen. Die moderne Forstwirtschaft hat damit die Zusammensetzung der europäischen Vogelwelt massiv verändert. Zahlreiche typische Arten der montanen und subalpinen Region sowie der borealen Zone konnten große Flächen des Tief- und Hügellandes sowie zahlreiche ursprünglich mit Laubwald bedeckte Mittelgebirge besiedeln.

Zwei Faktoren spielen heute eine wichtige Rolle für die flächendeckende und langfristige Veränderung des Ökosystems Wald:

• Über zwei Jahrhunderte bis heute anhaltend sind der Wandel und die Nachwirkungen der Bewirtschaftungsformen Niederwald und Mittelwald, d. h. von überwiegend bis ausschließlich jungen Altersstadien zu durchschnittlich viel älteren Hochwäldern (Altersklassenwäldern) mit weiterhin steigendem Durchschnittsalter.

• Mit dem starken Flächenanstieg von Koniferenwäldern durch Umwandlung von Laubwald und der Aufforstung von Agrarland ergibt sich eine Umkehr der natürlichen Verhältnisse von Laub- zu Nadelwald.

Von den ursprünglichen Laubwäldern hin zum heute dominierenden Nadelwald hat sich ein elementarer Wandel ergeben. Die heute hohen Anteile von Koniferen, speziell von Fichtenarten in den Wäldern von Mittel- und Westeuropa sind ein Ergebnis des Umstands, dass sich die Wiederaufforstung historischer Waldstandorte mit Koniferen problemloser gestalten lässt. Dazu kommt der in kürzerer Zeit zu erreichende wirtschaftliche Erfolg. Der heute hohe Anteil der Fichte Picea abies von regional über 50–80 % hatte in der nacheiszeitlichen Entwicklung keine Parallele. Die Fichte hat ihr Areal erst lange nach der Eiszeit in Teile von Mitteleuropa ausgeweitet. Nahezu all ihre heutigen Areale unterhalb von 1000 m NN sind in Mittel-, West- und Südeuropa anthropogenen Ursprungs (GATTER 1993, 2000).

Diese enorme Ausdehnung ihres ursprünglichen Verbreitungsraums in nur 200 Jahren gehört mit zu den wesentlichsten Veränderungen der europäischen Flora seit der Eiszeit. Die ganzjährig dichtere Vegetationsstruktur der immergrünen Koniferen und ihr flächiges Vorhandensein in allen ehemaligen Laubwaldregionen ist damit auch der wohl bedeutendste Wandel der europäischen Wälder südlich der Taigazone. Dies hat einen weitreichenden Einfluss auf die derzeitige Verbreitung zahlreicher Vogelarten (GATTER 1993, 1994). Die Auswirkungen wurden bei GATTER (2000) erstmals umfassender dargestellt. Eine Untersuchung der Einflüsse auf die gesamte Avifauna steht noch aus.

Bei einzelnen Arten müssen die Bestände immens gewachsen sein. Das Sommergoldhähnchen Regulus ignicapillus konnte seine Bestände innerhalb des ursprünglichen Verbreitungsgebiet beträchtlich erhöhen und nördlich davon bedeutende Arealgewinne erzielen. Allein die mitteleuropäische Population muss sich in den vergangenen 150 Jahren vervielfacht haben. Der überwiegende Teil des Weltbestandes, von dem offenbar rund ein Drittel in Deutschland lebt (MARCHANT in HAGEMEIJER & BLAIR 1997), ist diesen anthropogen begründeten Nadelwäldern zu verdanken.

Was bedeutet dies für die Vogelwelt? Nadelwälder und selbst Einzelbäume dämpfen Klimaextreme im Winter, schaffen aber zur Brutzeit ein beträchtlich kühleres Bestandsinnenklima. Im zeitigen Frühjahr vor Laubaustrieb bieten sie Brutplätze, die Schutz vor Prädatoren und klimatischen Widrigkeiten bieten. Alle immergrünen Gehölze – meist Neubürger in Wald und Gärten – ermöglichen einen früheren Brutbeginn, der vielfach fälschlicherweise allein einer Klimaerwärmung zugeschrieben wird (GATTER 2000).

Doch was unterscheidet die Vogelgesellschaften dieser „neuen“ Nadelwälder von denen der Laubwälder? Welche Anpassungen erfordern die ganzjährig dichteren Vegetationsstrukturen und welche Vogelarten werden dadurch gefördert? Welche Auswirkungen hat dies auf die Zusammensetzung unserer Landvogelwelt? – Unsere Ergebnisse aus der collinen und submontanen Zone stehen zum Teil in Widerspruch zu gängigen Auffassungen (aus: Gatter, W. & R. Schütt (2004): Biomasse, Siedlungsdichte und Artenzahl von Vogelgesellschaften colliner und submontaner Laub- und Nadelwälder in Südwestdeutschland. VOGELWELT 125: 247-254).

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Beiträge zur Waldökologie

 

 

Gatter, W. & H. Mattes (2011): Beeinflusst der Star Sturnus vulgaris über Höhlenkonkurrenz die Häufigkeit von Spechten Dendrocopos sp.? Der Ornithologische Beobachter / Band 108 / Heft 3 (Sept. 2011), 1-10. Link zur Publikation

Gatter, W. & H. Mattes (2008): Ändert sich der Mittelspecht Dendrocopos medius oder die Umweltbedingungen? Eine Fallstudie aus Baden-Württemberg. VOGELWELT 129: 73-84. Link zur Publikation

Gatter, W. (2007):Populationsentwicklung, Habitatwahl und Arealgrenzen des Halsbandschnäppers Ficedula albicollis unter dem Einfluss des Siebenschläfers Glis glis. Limicola 21: 3-47. Link zur Publikation

Gatter, W. (2007): Bestandsentwicklung des Gartenrotschwanzes Phoenicurus phoenicurus in Wäldern Baden-Württembergs. Ornithol. Anz., 46: 19–36. Link zur Publikation

Gatter, W. (2007): Langzeit-Populationsdynamik und Rückgang des Feldsperlings Passer montanus in Baden-Württemberg. Vogelwarte 45, 2007: 15–26. Link zur Publikation

Gatter, W. (2004): Deutschlands Wälder und ihre Vogelgesellschaften im Rahmen von Gesellschaftswandel und Umwelteinflüssen. Vogelwelt 125: 151-176. Link zur Publikation

Gatter, W. & R. Schütt (2004): Biomasse, Siedlungsdichte und Artenzahl von Vogelgesellschaften colliner und submontaner Laub- und Nadelwälder in Südwestdeutschland. VOGELWELT 125: 247-254 Link zur Publikation

Gatter, W. & R. Schütt (2001): Langzeitdynamik beim Siebenschläfer Myoxus glis Baden-Württemberg. Ein Kleinsäuger als Gewinner der heutigen Waldwirtschaft und des gesellschaftlichen Wandels. Jh. Ges. Naturkde. Württemberg 157: 181-210.

Gatter, W. & R. Schütt (1999): Langzeitentwicklung der Höhlenkonkurrenz zwischen Vögeln (Aves) und Säugetieren (Bilche, Mäuse, Muridae) in den Wäldern Baden Württembergs. Competition for breeding holes between birds and mammals (Dormice Gliridae, Mice Muridae) in the forests of Baden-Württemberg. Orn. Anz. 38: 107-130.

Gatter, W. (1998): Förderungsmöglichkeiten für den Alpenbock. AFZ/Der Wald 24: 1305-1306.

Gatter, W. (1998): Langzeit-Populationsdynamik des Kleibers (Sitta europaea) in Wäldern Baden-Württembergs. Vogelwarte 39: 209-216.

Gatter, W. (1997): Waldgeschichte, Buchenprachtkäfer und Rückgang des Berglaubsängers Phylloscopus b.bonelli. Vogelwelt 118: 41-47.

Gatter, W. (1997): 40 Jahre Populationsdynamik der Fledermäuse in Wäldern Baden-Württembergs mit vergleichenden Bemerkungen zur Entwicklung der Greifvogelbestände. Veröff. Naturschutz Landschaftspflege Bad.-Württ. 71/72 (1):259-265.

Gatter, W. (1997): Fledermäuse in den Wäldern Baden-Württembergs. Populationstrends 1985 bis 1993. AFZ/Der Wald 52: 94-96.

Gatter, W. (1996): Interessantes Vorergebnis des neuen Pilotprogramms Nistkastenkontrolle. Mitteilungen der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg 2: 11.

Gatter, W. (1996): Das Abflämmverbot als Rückgangsursache von Singvögeln? Ornithol. Anz. 35: 163-171.

Götz, V, G. Schlenker, B.V. Barnes & W. Gatter (1995): Wald und Mensch - "Waldgeschichte als Geschehen in geschichtlicher Zeit" Kap.I.3 in: Ansätze für eine regionale Biotop- und Biozönosenkunde von Baden-Württemberg. Mitt.d.Forstl.Versuchs-u.Forschungsanstalt BW 185: 24-41.

Gatter, W. (1994): Eiben bei Oberlenningen, Forstbezirk Kirchheim/Teck. Ein Beitrag zum Jahr des Baumes 1994. Veröffentl. Naturschutz Landschaftspflege Bad.-Württ. 70: 121-136.

Gatter, W. (1994): Zum Problem regionaler Vogelgemeinschaften in Wäldern in: Mitt. Forstl. Versuchs-u. Forschungsanst. Ba.-Württ. Heft 185. Ansätze für eine Regionale Biotop- und Biozönosenkunde von Baden-Württemberg: 141-150. Freiburg.

Gatter, W. (1994): Zur Ausbildung von Vogelgemeinschaften in Wäldern unter Einfluß von Habitatstruktur, Nahrung, Konkurrenz und Migration. Mitt. Ver. Forstl. Standortskunde u. Forstpflanzenzüchtung 37: 75-88. Freiburg.

Gatter, W. (1972a): Das Ringeln der Spechte. J. Orn. 113: 207-213.

Gatter, W. (1965): Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes) Brutvogel im Welzheimer Wald. Jh. Ges. Naturkde. Württ. 120: 291.

Gatter, W. (1961c): Der Rauhfußkauz (Aegolius funereus) auf der Schwäbischen Alb (Albuch). Jh. Ges. Naturkde. Württ. 116: 296-297.