Die Station Randecker Maar im Spiegel der Presse

 

AUSZEICHNUNG / Die Region Stuttgart würdigt den über 30-jährigen Einsatz zur Erforschung des Vogelzugs Umweltpreis für die Forschungsstation Randecker Maar

Seit über drei Jahrzehnten beobachten der Lenninger Ornithologe Wulf Gatter und sein Team den Vogelzug am Randecker Maar. Für dieses außergewöhnliche ehrenamtliche Engagement erhielt die Gruppe jetzt den mit 10 000 Mark dotierten Umweltpreis der Region Stuttgart.

Mit der Forschungsstation am Albtrauf zeichnete die Jury des Forums Region Stuttgart bereits zum zweiten Mal eine Initiative aus dem Raum Kirchheim für ihren Einsatz in Sachen Umwelt aus: 1999 ging der Förderpreis an die Jugendgruppe des Vogelschutz und Naturvereins Holzmaden. Für Wulf Gatter, der den Preis aus den Händen des Kuratoriumsvorsitzenden Matthias Kleinert entgegen nahm, ist es der verdiente Lohn für den vorbildlichen Einsatz zur Erforschung und zum Schutz der Vogelbestände. Das einzigartige Projekt trägt nach Meinung der Jury auf Grund seiner Bedeutung auch zur Förderung des Regionalbewusstseins bei.

Der Förderpreis wurde heuer bereits zum fünften Mal vergeben. Aus über 100 eingereichten Wettbewerbsbeiträgen zeichnete die Jury in den Sparten Bürgerschaftliches Engagement, Denkmalpflege, Kultur, Sport und Umwelt insgesamt sieben Initiativen aus. Während in drei Bereichen Preis und vor allem Preisgeld geteilt wurde, hoben die Juroren im Sektor Umwelt allein die Forschungsstation Randecker Maar aufs Schild.

Der ehrenamtliche Einsatz der über 300 Vogelkundler aus ganz Mitteleuropa ist beachtlich: Hätte man die bisher geleisteten 170000 Beobachtungsstunden bezahlen müssen, entsprächen sie einem Betrag von über vier Millionen Mark, rechnete Wulf Gatter bei der Preisverleihung vor. Gatter ist Initiator und seit über 30 Jahren Leiter der Station. Mitte der 60er Jahre wurde die Bedeutung des Passeinschnittes am Randecker Maar für den Vogelzug entdeckt. Bei ihrem Flug gen Süden wählen die Vögel solche Pässe, um die Schwäbische Alb mit möglichst geringem Kraftaufwand zu überwinden. Ab 1968 registrierten die Ornithologen einen auffälligen Rückgang der Bestände, verursacht durch schwer abbaubare Kohlenwasserstoffe und andere Gifte. Im selben Jahr begann Wulf Gatter deshalb mit der systematischen Beobachtung der Vogelzüge und deren Auswertung in einer Langzeitstudie.

Ein Team von jeweils vier bis sechs Mitarbeitern liegt seither in jedem Herbst bei Wind und Wetter von der Morgendämmerung bis in die frühen Abendstunden auf der Lauer, um die Vögel zu beobachten. Das Verhalten von über 200 Arten wurde seither systematisch erfasst. Dieses in Europa einmalige private Monitoring-Programm lieferte eine Datengrundlage von internationaler Bedeutung mit vielfältigen Aussagen über die Einflussfaktoren auf die Populationen. So belegt unsere Untersuchung die massiven Veränderungen der Vogelwelt in den letzten 30 Jahren, erläuterte Gatter ein wesentliches Ergebnis der Beobachtungen. Während die Vogelarten des Agrar- und Offenlandes stetig seltener werden, nehmen Großvögel und die Mehrzahl der Wald- und Gehölzvogelarten zu. Verursacht wird dies neben den Einflüssen der Klimaerwärmung vor allem durch den gravierenden Landschaftswandel. Aktive Düngung, Nährstoffeinträge aus der Luft oder auch eine veränderte Gartenkultur sorgten für massive Vegetationsveränderungen. Somit liefert die Untersuchung der Lenninger Station vielfältige Vorgaben für die Naturschutzpolitik und den Artenschutz.

Die Erkenntnisse aus über 30 Jahren Beobachtung des Tagzugs hat Gatter erst vor kurzem in dem knapp 700 Seiten starken Werk Vogelzug und Vogelbestände in Mitteleuropa publiziert. 1999 wurde der Oberlenninger, im Zivilberuf Forstmann und Leiter des Ökologischen Lehrreviers der Forstdirektion Stuttgart, mit dem deutschen Ornithologenpreis ausgezeichnet.

Eigentlich wäre das Monitoring eine Aufgabe der öffentlichen Hand. Tatsächlich fehlen jedoch die entsprechenden Projekte, weil sie an der Finanzierung scheitern. Umso mehr ärgerte sich Wulf Gatter, dass bislang alle Anträge, das kostengünstige und überwiegend ehrenamtlich betriebene Projekt regelmäßig zu fördern, abgeschmettert wurden.

Der Kuratoriumsvorsitzende Matthias Kleinert nutzte die Feierstunde, um die Bedeutung des Ehrenamts herauszustreichen. Das bürgerschaftliche Engagement ist einer der stabilsten Pfeiler unserer Gesellschaft. Bereits heute sei ein Drittel der Bevölkerung ehrenamtlich engagiert, ein weiteres Drittel, zitierte Kleinert eine Untersuchung der Akademie für Technikfolgenabschätzung, sei bereit, Aufgaben zu übernehmen. Dieses schlummernde Potenzial müssen wir erschließen.

Im Namen der Förderpreis-Partner betonte der Vorstandsvorsitzende der SV Versicherungen, Manfred Haas, im Ehrenamt Präsident des VfB Stuttgart, die wichtige Rolle der Vereine: Ein Verein ist Anlaufstelle für Jugendliche, hat Vorbildfunktion und dient der persönlichen Weiterbildung. Dort könne neben Schlüsselqualifikationen auch die heute von vielen Unternehmen geforderte soziale Kompetenz erworben werden. Die SV Versicherungen, die Kreissparkassen in der Region, die LBS Landesbausparkasse, die Toto Lotto GmbH und die Umweltstiftung Stuttgarter Hofbräu stellen für den Wettbewerb der Region Stuttgart jeweils 10000 Mark als Preisgeld zur Verfügung.

Die einzelnen Preisträger präsentierte die stellvertretende Jury-Vorsitzende Gabriele Bartsch. Gemeinsinn ist in, sah sie in der Rekordbewerberzahl bei dieser Leistungsschau des uneigennützigen Engagements, einen Indikator für eine Trendwende in der Gesellschaft. Neben den Lenninger Vogelschützern durfte sich unter anderen auch der Nürtinger Verein Freies Kinderhaus über einen Förderpreis freuen. Die Initiative rettete die denkmalgeschützte Seegrasspinnerei vor dem Verfall und etablierte in dem Gebäude ein soziales, kulturelles und ökologisches Zentrum. Dem Zug der Vögel auf der Spur: Seit über 30 Jahren erforschen Wulf Gatter und sein Team die Wanderbewegungen von über 200 Vogelarten. Für ihr Engagement wurde die Gruppe jetzt mit dem Förderpreis der Region ausgezeichnet. Matthias Kleinert (ganz links) überreichte den Preis an Dorothea Gatter (dritte von links), Wulf Gatter (zweiter von rechts) und Andreas Hachenberg (ganz rechts).

Artikel aus den Lokalnachrichten des Teckboten vom 22.11.2001